Unser neues Leben in Deutschland

Azzat Al Saleem aus dem Irak erzählt:

 

Das bin ic

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Mein Name ist Azzat Al Saleem.
Das Foto ist vom 15. Juli 2014.
Hinter mir siehst du meine Heimatstadt Sinjar. Die Stadt Sinjar liegt im Norden vom Irak. 
Auf dem Foto bin ich glücklich. Ich habe Ferien und ich sehe meine Freunde und meine Familie wieder.
Aber ich wohne nicht mehr in Sinjar.
Ich wohne jetzt in Deutschland.

 

Das ist meine Familie hier in Deutschland

Hier siehst du meinen Bruder, meine Cousinen, meine Cousins und mich am 10. Mai 2016 in Bad Kötzting:

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Von links nach rechts auf dem Foto:
Azzat, 21 Jahre, Medizinstudent
Suaad, 18 Jahre, Schülerin
Najman, 16 Jahre, Schüler
Saad, 21 Jahre, Abiturient
Zeyad, 22 Jahre, Medizinstudent
Faiza, 17 Jahre, Schülerin
Salam, 18 Jahre, Schüler
Vorne: Salah, 14 Jahre und Nawzad, 13 Jahre, beide Schüler

Sie sind Geschwister:
Azzat und Salah

Saad und Suaad und Nawzad
Salam und Faiza

Alle auf dem Foto heißen mit Nachnamen Al Saleem.
Wir alle haben im Irak in der Stadt Sinjar das Gymnasium besucht.
Zeyad und ich haben in Georgien Medizin studiert.
Wir sprechen Jesidisch, Arabisch, Englisch und ein bisschen Deutsch.

Uns geht es jetzt in Deutschland gut.
Unsere Verwandten sind noch im Irak. Wir haben Angst um sie.
Wir können nicht vergessen, was passiert ist.

 

Was ist passiert?
Warum bin ich jetzt in Deutschland?

Im Irak sind viele Menschen Muslime. Ihre Religion heißt Islam. Muslime möchten in Frieden leben und respektieren andere Religionen. Meine Religion heißt „Jesidentum“. Wir sind Jesiden. Wir möchten auch in Frieden leben.

Aber seit 2003 gibt es im Irak und in Syrien Kämpfer. Sie heißen Islamischer Staat (Abkürzung = IS). Die IS-Kämpfer haben am 3. August 2014 meine Stadt Sinjar überfallen. Sie haben zu uns gesagt: „Ihr dürft keine Jesiden mehr sein, ihr müsst die Religion wechseln, sonst töten wir euch. Ihr müsst Muslime werden.“

Die meisten Menschen sagen: Die IS-Kämpfer sind keine Muslime, weil sie andere Menschen töten und misshandeln. Das ist aber im Islam verboten.

Wir wollen unsere Religion nicht wechseln. Wir hatten große Angst und sind in die Berge geflüchtet.

Unsere Flucht aus dem Irak

Wir waren zusammen 35 Personen. Wir haben uns in den Bergen versteckt. Es war 40 Grad heiß. Wir hatten kein Wasser, keine Medikamente, kein Essen. Wir hatten nur unsere Kleidung. Viele Kinder sind verhungert und verdurstet. 
Wir sind 1000 Kilometer zu Fuß bis zur Grenze nach Syrien gelaufen. Wir hatten immer Hunger und Durst.

An der Grenze mussten wir lange warten: 18 Monate. Wir haben zusammen mit vielen Menschen in einem großen Zelt gelebt. Wir hatten keine Betten und konnten nicht in die Schule gehen. Natürlich wollten wir wieder nach Hause, aber die Nachrichten aus unserer Stadt waren schrecklich und sind jeden Tag schrecklicher geworden.

Da haben wir Menschenschmugglern viel Geld gegeben. Sie sollten uns über die Grenze bringen. Wir sind um Mitternacht über die Grenze geschlichen. Nur wenige haben es geschafft: Die Polizei hat 26 Personen geschnappt. Sie sind wieder nach Sinjar zurückgegangen.

Jetzt waren wir nur noch 9. Wir Cousinen und Cousins waren alleine. Wir sind 3 Tage zu Fuß bis nach Sofia gegangen. Das ist die Hauptstadt von Bulgarien. In Sofia haben wir 6 Tage lang zusammen mit 23 anderen Personen in einem Zimmer geschlafen. Drei Tage lang waren wir auch im Gefängnis. Wir wurden dort geschlagen. 

Trotzdem sind wir immer weiter gegangen. An der Grenze zwischen Serbien und Kroatien fließt ein Fluss. Wir haben viele Stunden im Wasser gestanden. Es hat auch noch geregnet.

Vor 6 Monaten sind wir endlich in Deutschland angekommen. Wir sind auf unserer Flucht viele tausend Kilometer mit dem Bus, mit einem Auto und mit einem Kleintransporter ohne Fenster gefahren und zu Fuß gelaufen. Wir waren fast zwei Jahre lang unterwegs auf der Flucht.

Wir wollen keine Fotos von unserer Flucht nach Deutschland zeigen, weil sie uns an diese schrecklichen Erlebnisse erinnern. Aber das, was wir gesehen haben, ist unvorstellbar. Wir können es niemals vergessen.

 

Unser Leben hier in Deutschland

Jetzt wohnen wir mit 200 Personen zusammen in einem alten Krankenhaus in Bad Kötzting.

Zeyad, Saad und ich machen einen Deutschkurs. Wir lernen sehr fleißig. Wir wollen in Deutschland weiter Medizin studieren.
Salah und Nawzad gehen in die Mittelschule in Bad Kötzting.
Suaad, Faiza, Salam und Najman gehen in die Berufsschule Bad Kötzting.

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In Deutschland können wir endlich ohne Angst leben.
Wir dürfen in die Schule gehen. Wir können wieder schlafen und wieder lachen.
Wir wollen hier in Deutschland lernen, studieren und später arbeiten.

 
Text: Azzat Al Saleem und Hilde Weber; redaktionell nachbearbeitet; Bilder: Azzat Al Saleem

 

 

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